Leben ist nun mal lebensgefährlich

An Tagen wie Heiligabend greift die Verzweiflung besonders gern nach uns Schwermütern. Möchte uns noch eher glauben machen als sonst, das Leben habe uns um dies oder das beschissen. Obwohl wir ihm doch so verdammt viel gegeben haben – womöglich sogar ein bisschen mehr. Gerade wenn sich andere so ergriffen Pumpe und Pelle aneinander wärmen, friert es dich erst recht. Ist das Schicksal nicht entsetzlich ungerecht? Warum schenkt es ausgerechnet dir so ein?

Könnte es sein, dass du dein Lebensglück seit jeher zu sehr an überzogenen Erwartungen – an idealisierenden Projektionen deiner Mitspieler mithin – festmachst? Wurde deine famose Menschenkenntnis nicht schon einige Male richtig schön abgebrüht vorgeführt? Was gibt es da aber allweihnachtlich noch immer triefäugig von unersetzlichen Verlusten zu faseln? Anstatt endlich einzusehen, dass Beziehungen zu Kaltschnäuzern langfristig ohnehin mehr Leid als Lust einbringen.

Wo Gefühle überschwappen, kriegt der Verstand schnell nasse Füße. Viele ersaufen lieber im Selbstmitleid, als auch der tiefsten Kränkung heilen zu helfen. Statt verschorfte Verletzungen auch mal als nachhaltige Erfahrung abzuhaken und der Alltäglichkeit eine Chance zu geben, den Groll zu überwuchern, wird der Finger immer wieder weinerlich in kaum verheilte Wunden gelegt. Nun hat selbst manche Frohnatur den unseligen Hang, zu überbewerten, was ihr das Schicksal vorenthält oder nimmt. Wie sie ohne weiteres geringschätzt, oder für selbstverständlich hält, was es ihr schenkt und bewahrt. Freigiebig – sicher. Aber subjektiv natürlich nie wirklich angemessen.

Bei besonders hartgesottenen Trauerklößen will nicht einmal Zeit die schmerzhaftesten Wunden im eigenen Leben schließen. Die freilich immer auch auch jene Selbstgefälligkeit aussuppen, in der sich’s so wunderbar wohlig suhlen lässt. Lust am Leiden wird überhaupt einer der wesentlichen Gründe sein, warum sich die scheinbar Ohnmächtigen immer wieder durch ihre vergrämten Mementos schleifen lassen. Statt sich darauf zu besinnen, wie herzerfrischend es sein kann, jeden Tag ein bisschen Prinzessin zu spielen. Auch wenn’s Krönchen beim abenteuern hin und wieder mal in den Dreck fällt.

Mancher mag im Glauben in die Grube fahren, für ihn sei einfach die sicherere Entscheidung gewesen, sich zeitlebens in der trüben Sülze eines unzurechnungsfähigen Fatums wundzuliegen. Sicherer jedenfalls, als sein Leben beherzt in die eigenen Hände zu nehmen. Kann man zweifellos ebenso machen, wie in Abhängigkeiten verloren zu gehen – oder seine vermeintliche Souveränität unablässig durch Rechthaberei und Rigorismus unterstreichen zu müssen. Aber einerlei, ob du auch deine restliche Erdenzeit kismet-, selbst- oder fremdbestimmt abreißt. Selbstbestrafung taugt tatsächlich nicht mal zur mitleiderregenden Fassade.

Vielleicht laden gerade die stilleren Tage zum Jahresende zum Ausstieg in einen persönlichen Paradigmenwechsel ein. Das Momentum, dich von überkommenen Fixierungen zu trennen. Schonhaltung und Lebensvermeidung die rote Karte zu zeigen. Zuwendung zu schätzen und anzunehmen, sich auch mal wieder berühren lassen, ohne andauernd berührt zu sein. Nicht länger von der jämmerlichen Angst beherrscht zu werden, ohne Resonanz nichts zu sein. Frei zu entscheiden, ob du eher kleinkariert oder doch lieber chaotisch glücklich sein willst.

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