jetzt ham wir den Salat. Die AFD ist kurz davor, nach der Macht zu greifen. Vorläufig in einem weniger bevölkerungsreichen Bundesland. Etwa 44% der Wahlgänger haben in Sachsen-Anhalt der fortgesetzten Ignoranz und Arroganz der Altparteien eine Absage erteilt. Eine knappe Hälfte der Wählenden bekundet mit ihren Kreuzchen nichts anderes, des freigiebigen Verteilens heißer Luft in Vorwahlzeiten überdrüssig zu sein und nicht mehr zu wissen, wohin mit den Zukunftsängsten.
Wie menschlich enttäuschend, dass diese Opfer dann auch noch so einfältig sind, sich ihre wertvolle Stimme gegen ein Bratwürstchen vom Grill oder für eine gemeinschaftsfördernde Sause auf der gehegten „Simme“ oder Schwalbe abquanzen zu lassen. Statt wie gewohnt, einen gepflegten Bogen um die Wahlurne zu machen, sich ein paar Colbitzer oder ’ne Pulle Nordhäuser gegen das perspektivlose Verstreichen der Tage auf die Lampe zu schütten und sich ansonsten in ein apathisches: Die- werden-schon-wissen-was-sie-tun zu fügen. Ging doch bisher auch. Weshalb meinen diese Tölpel auf einmal, wählen zu müssen? Nur, weil wer so tut, als interessiere er sich für ihre Existenz?
Zünftiger Spaß mit launigen Kumpeltypen macht offenbar attraktiver, als das wiederkehrende Stimmengebettel vor dem Supermarkt. Wo Parteisoldaten mit praktischen Merkblöckchen, Gratis-Kugelschreibern und tollen Einkaufswagenchips Erkenntlichkeit zu ködern versuchen. Tinnef, der vermutlich auch deshalb verteilt wird, um den Werbern bloßstellende Nachfragen zu ersparen. Wer so hübsche Aufmerksamkeiten bekommt, sollte doch mindestens günstig gestimmt sein.
Zu den Pointen einer Demokratie gehört zweifellos, dass auch ausgemachte Problembären über ihr Stimmrecht verfügen dürfen, wie ihnen beliebt Und wenn sie fatalerweise einem Haufen hinterherlaufen, der im Schilde führen könnte, Wahlen überhaupt abzuschaffen, um den Laden gleich im Ganzen unter die eigene Fuchtel zu bringen. Über dessen Gefährlichkeit für die Demokratie zu befinden gewiss nicht Wählersache ist. Sondern Aufgabe des Bundesverfassungsgerichts. Ich nehme an, das Verfahren für ein Parteiverbot wäre längst durch, hätten die übrigen Parteien die Zeichen nicht mal wieder verschlafen.
Womöglich sollte sich Politik endlich mit den Ursachen befassen die eine, in Teilen gesichert rechtsextreme, Partei quer durch alle Gesellschaftsschichten offenbar trotzdem wählbar macht. Sind die Gründe für erodierende demokratische Werte generell so schwer zu begreifen? „Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral“, lehrt schon die Dreigroschenoper. Obwohl es mit unserer Gesellschaft wirtschaftlich wie zwischenmenschlich zusehends abwärts geht, doktern, teils befremdliche, Koalitionen lieber weiter mit Halbherzigkeiten und obsoleten Rezepten an den Symptomen rum, als die Untauglichkeit der eigenen Klientelpolitik auch nur anzuzweifeln. Womöglich hofft man auf weitreichende transnationale Ereignisse, oder setzt auf juristische Spitzklickereien, die unerwünschte Machtverschiebungen auf die bequeme Tour ausbremsen könnten.
Ein paar politische Wirrköpfe mit wenig Rückhalt zu verbieten mag von der Bevölkerung schulterzuckend hingenommen werden. Was es lostreten könnte, sägte man ohne Weiteres ein knappes Drittel pampiger Wähler ab, kann man sich nur ausmalen. Ich höre den Grüßaugust der Nation bereits staatstragend um Selbstbehauptung seiner „lieben Mitbürger“ barmen, weil wegen Kurzsichtigkeit und Kopflosigkeit seiner Kaste Barrikaden brennen.
Sind die aktuellen Fehlzündungen des Pluralismus für die Arrivierten so schwer zu ertragen, weil mit der proportionalen Verteilung institutioneller Versorgungsposten unter ihresgleichen absehbar Sense sein könnte? Oder sollte die Sorge der Mahner und Alarmisten tatsächlich dem Land und seinen Menschen gelten? Immerhin habe ja eine Mehrheit gegen die AFD votiert, so einer der Abgewählten noch am Wahlabend beinahe trotzig und erfrischend neunmalklug. Schönrechnen kann sich’s der Politiker wie sonst keiner. Dafür, dass er persönlich weich fällt, ist eh Sorge getragen. Hätt‘ schlimmer kommen können.
Nicht nur die Visionen der AFD muffeln mindestens unangenehm nach vorgestern. Noch im ersten Entsetzen des Wahlabends verstiegen sich einige der Verzwergten zu der originellen Idee, mithilfe des Rechenschiebers vielleicht doch noch eine Koalition der Luschen schmieden zu können. Was soll denn bitte bei einer Allianz xenophober Biedermänner und irgendwie linksfühlenden Antisemiten an Gedeihlichem rauskommen? Ein gemeinsames Feindbild ist als Basis schon ein bisschen dürftig. Wo es um nichts anderes geht, politische Pflastertreter und Krawallschachteln so lange wie möglich von Ämtern und eigenem Unfug fernzuhalten. Und die angeschmierten Wähler mit solchen Mätzchen weiter gegen den eigenen ratlosen Aktionismus aufzubringen. Resteverwertung nach Ignorantenart.
Ein anrührendes Bild – eigentlich. Zusammengetretene Christdemokraten schleppen sich mit verbiesterten Weltverbesserern und gerupften Ökosimulanten unbeugsam der untergehenden Sonne hinterher. So kann das allerdings nicht mehr unendlich laufen. Schon, weil die Wahrscheinlichkeit verdammt hoch ist, dass die Sonne untergeht und unsere Welt finster wird. Ist ja nicht so, dass die Wahlergebnisse der letzten Jahre dem bürgerlichen Lager und seinen Wurmfortsätzen das Gefahrenpotenzial nicht drastisch genug vor Augen geführt hätten. Nutzt nur alles nichts. Bereits zwei Tage nach der Wahl in Sachsen-Anhalt hagelt es bereits wieder Koketterien und gegenseitige Schuldzuweisungen. Augen zu und durch – das geniale Lebensprinzip für Leichtgewichte.
Auf Stimmenfang die Flucht nach vorne anzutreten ist einfach nur eine weitere Scheißidee. Als wäre es jemals gelungen, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Gleichwohl wird die politische Mitte im Kielwasser der AFD seit Jahren munter weiter nach rechts verschoben. Die Ideologie der Ungleichwertigkeit eskaliert und wer da als Projektionsfläche nicht mehr taugt, muss willigeren Aushängegesichtern weichen. Wozu bedarf es noch einer christlichen Werteordnung, wenn die Mehrheit über kurz oder lang sowieso zwangsläufig zu Kreuze kriechen wird? Wenn beispielsweise die Sozialsysteme kollabieren. Nicht nur in den Vereinigten Staaten kann man ganz unverstellt besichtigen, was neoliberale Gutsherren wieder wünschen. Längst gibt man sich dort nicht mehr damit zufrieden, den politischen Gegner mit Gottes Hilfe aufs Niederträchtigste zu diffamieren, demokratische Strukturen systematisch zu zerstören und Hilfsorganisationen auszutrocknen. Die herrschende Plutokraten-Clique möchte selbst die paar Brosamen von der herrschaftlichen Tafel nur noch bei ideologischem Wohlverhalten zugeteilt wissen.
Bei uns scheint bisher nur das Selbstverwirklichungsprojekt der Frau Wagenknecht gewillt, offen mit solchen Schmuddelkindern zu kuscheln. Für ein paar Silberlinge und jede Gelegenheit, ihre dümmliche Opferrolle gefühlt wöchentlich auszuwalzen, legt sich die gefallene Stalinistin und Frida Kahlo Imitatorin allerdings mittlerweile zu jedem in die Koje. Zu oft am wetterwendischen Oskar genuckelt. Die Blauen können dem Hang zur niedrigschwelligen Promiskuität trotzdem gelassen entgegensehen. Sündenböcke und Dolchstoßlegenden sind der Popularität von Populisten bekanntlich nicht weniger zuträglich als Straßenkötercharme und Diskriminierungsgefiepe.
Die erste Hochrechnung des Wahlabends mit überschaubaren acht Prozent für die Sozialdemokraten löste auch bei den, offensichtlich bereits delirierenden, Erben Bebels und Brandts verstörend frenetischen Jubel aus. Ich muss gestehen, in diesem Moment gleichermaßen zwischen Fremdscham und Mitleid hin- und hergebeutelt gewesen zu sein. Wenn auch die Sozen mittlerweile schon angesichts einstelliger Ergebnisse derart aus dem Häuschen geraten, ist es für viele enttäuschte Anhänger wohl einfach nur folgerichtig gewesen, diese prinzipienfreie Hökerbude erstmal zu meiden.
Jedenfalls darf ich nachfolgend und mit angebrachtem Stolz einen unfassbar hellsichtigen 😉 Ausschnitt aus einem meiner Aufsätze präsentieren. Aus einer Zeit, als noch eine Mecklenburger Pastorentochter die politischen Geschicke bestimmte – und unser Leben wenigstens beim flüchtigen Drüberweggucken ein geordneter, ruhiger Fluss schien.
Eine AFD erfährt doch nicht solchen Zulauf, weil sie auch nur ein realistisches Konzept zur zielführenden Lösung irgendeines vermeintlichen oder tatsächlichen Übels anböte. Oder irgendwelche Figuren mit ansatzweise Charisma oder gar Lichtgestalten auf die Rampe schieben könnte. Sondern, weil sie den verständnisvollen Kümmerer für die kleinen (deutschen) Leute gibt und nicht wie die Etablierten versäumt, sich mit locker flockigem Social-Media-Gedöns oder probater Lagerfeuerromantik beim noch orientierungslosen Wahlnachwuchs anzuschmusen. Weil sie einfache Abhilfe von Ängsten und Zukunftssorgen verspricht und die völkische Gemeinschaft über alles stellt. Die wenigsten können doch ertragen, ausschließlich der eigenen Mittelmäßigkeit ausgesetzt zu sein. Was sie für Ideologien empfänglich macht, die individuelle Bedeutungslosigkeit durch einen verbindenden Überbau aufzuwerten versprechen. Das Erfolgsgeheimnis von Massenbewegungen basiert nun mal auf künstlich aufgeblasener Identifikation.
Dabei springt eine derart hemdsärmelige, krawallige und rassistische Agenda schon auf den ersten Blick viel zu kurz, um beispielsweise das Dilemma zwischen demografischer Alterung und Arbeitskräftemangel moralisch vertretbar lösen zu können. Eine Entwicklung, die zwar schon vor mehreren Jahrzehnten vorherzusehen war, aber von Regierung zu Regierung weitergeschoben wurde, um den Wähler nicht durch zu viel Realität zu verprellen. Was sich nun zum Kardinalproblem ausgewachsen hat, das selbst für die Etablierten kaum mehr gemeinsam und ohne gewagteste ideologische Rösselsprünge zu lösen sein wird. Eine alternde Gesellschaft bedarf bekanntlich nichts dringlicher als aktiven Rentenzahlern und Pflegekräften. Wo sollen die denn herkommen? Aus volkseigener Produktion? Wir reden über eine Geburtenrate von mittlerweile weniger als eineinhalb Kindern pro deutscher Frau, Kamerad Schnürschuh. Da ist selbst durch fette Karnickelprämien und Mutterkreuze nichts mehr zu retten. Nicht mal als Option. Wobei die Geschichtsrevisionisten allerdings fein raus sind. Die Schuld für die verfahrene Lage können ihnen die Altparteien nicht mal indirekt anlasten
Ein grundsolider Gossenduktus, kurzsichtige Lösungsansätze und viel Hurrapatriotismus lassen, wenigstens in meiner Vorstellung, zusätzlichen Verdruss und künftige Unruhen befürchten. Bislang ist das Parteiprogramm nicht mehr als eine hanebüchene Phrasensammlung, die auf Instinkte und Bauchgefühle abzielt – und mit dieser Linie erwartbar Erfolge einfährt. Wahlergebnisse unterscheiden bekanntermaßen nicht zwischen verschnupftem „Protestwähler“ und „denkzettelnder“ Demokratin, aufrechten Patrioten oder sonstigen Emotionskrüppeln. Wer indes erwachsenen Menschen vom hohen Ross herab die Wahlmündigkeit abspricht, weil ihm deren Statement nicht passt, hat nicht nur das Fundamentale einer Demokratie nicht erfasst, sondern handelt langfristig womöglich auch selbstmörderisch. Die meisten Biederlinge wechseln doch nicht in extreme Lager, weil sie über Nacht zu Radikalinskis oder Herrenrasslern mutieren. Sondern weil sie sich nach Sicherheit und Führung sehnen und sich nicht mehr anders zu helfen wissen, als mit ihrem Kreuzchen. Dass solche Planspiele für viele blauäugige Protestwähler fatal in die eigene Hose gehen könnten, steht auf einem ganz anderen Blatt.
Ein erstarkender Populismus speist sich primär aus liegengebliebenen und festgetretenen Miseren. Aus der tranigen Ignoranz und Arroganz satter Regierungsvereine, die längst außerstande sind, Ängste und Nöte der Massen noch realistisch einzuordnen. Statt die winkenden Zaunpfähle zu beherzigen, reagieren sie beleidigt und lassen sie ihre Verachtung für den Pöbel nach jeder verlorenen Wahl deutlicher durchblicken. Und wieder einmal hat der dämliche Wähler unsere unnachahmliche Politik nicht begriffen. Statt einfach mal Demut und Einsicht zu zeigen, stellen sie sich vor die Mikrofone und weisen verquast Dummheit zu. „Wir haben unsere erreichten Ziele offenbar nicht verständlich vermitteln können“, ist solch ein schuldverschiebender Politschwall. Der ultimative Weg, abtrünniges Wahlvolk wieder ins eigene Lager zu überführen, ist in der Logik dieser Koofmichs offenbar, maximale Begriffsstutzigkeit zu attestieren. Da wird die Haut allerdings schon verdammt dünn.
Die AFD wird solange Zuwächse einfahren und sich der Macht annähern, wie auch die Etablierten glauben, es werde wie gewohnt reichen, mit ein paar leeren Versprechen und Schreckgespenstern auf Wählerfang zu gehen. Um nach den Wahlen ungerührt die Pfründe unter sich aufzuteilen und weitere vier Jahre um Kaisers Bart zu zanken. Vor seinem Niedergang musste der dräuende Sozialismus regelmäßig als Butzemann auf bürgerlichen Wahlplakaten herhalten. Heute behaupten alle demokratischen Parteien, letztes freiheitliches Bollwerk vor einer gesichert irreversiblen Rechtsdiktatur zu sein. Mag ja sein, aber irgendwann stumpft halt jede folgenlose Penetranz ab. Hypothetische Drohkulissen sind auf Dauer einfach zu wenig. Vielleicht haben es die Dauerpenetrierten auch mittlerweile einfach satt, sich von abgehobenen Klassenstrebern zu unbedarften Opfern rechter Polemik oder reaktionärer Propaganda herabwürdigen zu lassen. Weil sie in ihrem Alltag immer wieder selbst ertragen müssen, wie manierliches Miteinander und selbstverständliche Umgangsformen auch durch zugezogenen Kores zur hilflosen Defensive verkommen.






























