Jede Nation, die auf sich hält, sollte sich eine großzügig besoldete Berufsarmee leisten. Mit mutigen und abenteuerlustigen jungen Menschen, die möglichst so vor Heimatstolz strotzen, dass sie für ihr Vaterland nötigenfalls auch freudig zu platzen bereit sind. Schließlich kann selbst die friedfertigste Einstellung nicht immer verhindern, dass der Soziopath von nebenan mit roher Gewalt von seiner gescheiterten Innenpolitik ablenken will. Oder, weil ihn imperiale Gelüste antreiben, seine Nachbarn zu überfallen. Ich selbst habe vor etwa einem halben Jahrhundert wehrpflichtig gedient, weil ich mir vorher erschreckend wenig Gedanken über allfällige Konsequenzen gemacht habe.
Meine Kameraden waren beinahe durch die Bank naive und gutmütige Burschen, die sich lieber altersgemäße Zerstreuung suchten, als ihre Freizeit mit tiefergehenden Gedanken darüber zu beschweren, wofür wir mit unserem Dienst abgerichtet wurden. Wobei selbst der sporadische Taktikunterricht eher was von Szenarien lächerlich parteiischer Ballerspiele auf Abenteuerspielplätzen hatte. Spätere Erlebnisse haben meine juvenile Sorglosigkeit jedenfalls gründlich durchgeschüttelt. Heute würde ich garantiert verweigern – und genauso verbindlich aus unzureichenden Gründen abgelehnt. Was valide Verweigerungsgründe sind, bestimmen noch immer andere. Was ein Glück, dass ich nicht mal mehr für deren Volkssturm tauge. Dazu fällt mir das Kennedy-Zitat ein: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst“ . Ich würde das ein wenig weiter fassen. „Frage nicht nur, was du für dein Land tun kannst, sondern ob du diesem Land sogar dein Leben schuldest“.
Nach ethischen Gesichtspunkten sollte es ganz allein deine persönliche Entscheidung sein, ob dir die Verteidigung des Status quo tatsächlich wert ist, dein eigenes – und einziges – Leben dafür in die Waagschale zu werfen. Die Frage stellt sich, welches Ziel in einem „Verteidigungsfall“ – denn nichts anderes wird ein Waffengang in der Herrscherlogik aller beteiligten Parteien je sein – überhaupt angestrebt werden soll? Doch wohl primär die Sicherung bestehender sozioökonomischer und territorialer Gegebenheiten und Mehrung der Mittel derer, die am Krieg besser verdienen, als am Frieden. Jedenfalls war auch das in der Vergangenheit nie anders.
Warum sollte ein Mensch dafür noch immer sein Leben riskieren? Lächerlich! Wie viele Wehrverpflichtete haben denn selbst unersetzliches Hab und Gut zu verlieren? Ihre Freiheit? Wieviel Risiko kann einem Pazifisten eine Freiheit wert sein, die jeden Tag um ihre Grundbedürfnisse kämpfen muss? Oder sollte die Art Freiheit gemeint sein, sich so krumm machen zu dürfen, dass es neben Wohnen, Bildung und Essen immerhin für eine neidischmachende Konsumfassade reicht? Vielleicht darf es die Freiheit der Gedanken sein? Wer will mir die nehmen? Und wenn ich die nicht mal mehr äußern darf? Dann behalte ich sie eben für mich. Das ändert keine Deut daran. Freiheit ist einer dieser dehnbaren Begriffe, die jede Gesellschaftsform verdammt gern für sich in Anspruch nimmt – oder missbraucht. Spätestens unter Kriegsrecht ist dann aber sowieso jede Selbstbestimmung futsch.
Seine Lieben ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit zu beschützen ist für den Anständigen sowieso Selbstverständlichkeit. Wer hingegen seine materiellen Besitztümer in Sicherheit wissen will, sollte doch mindestens bereit sein, sich an den Kosten für eine schlagkräftige und professionelle Armee solidarisch und angemessen zu beteiligen. Statt wie Dagobert Duck argwöhnisch auf seinen Kröten zu glucken, in lebensfernen Talkshows regelmäßig über die Neidgesellschaft abzuledern und als Dreingabe das überhandnehmende Sozialschmarotzertum zu bejammern, weil auch das von einem abgehobenen Lebensfremdling erwartet wird.
Angesichts solcher Vorgefasstheit ist leicht nachvollziehbar, der gemeinwirtschaftlichen Verschwendung seines Vermögens mittels Steuerflucht, Stiftungen und ähnlichen Pfiffigkeiten vorzubeugen – um die grassierende Hängematten-Mentalität nicht auch noch mit seinem Gehamsterten pampern zu müssen. Im Fall einer militärischen Konfrontation erwarten solche Schlauberger freilich ebenso selbstverständlich, dass eine Armee armer Schweine ausrückt, um Heimat und Habe zu beschützen, während sie selbst jede zwischenstaatliche Unpässlichkeit an einem schnuckligen kleinen Fluchtort weitab aussitzen können.
Weshalb verteidigen die Herrschaften ihre Besitzstände nicht mal höchstselbst? Das hülfe zweifellos ebenfalls sparen. Und obendrein gewisslich ein wenig Realität ins abgehobene Dasein bringen. Als Zeichen ihrer „patriotischen Haltung“ könnte die Beletage ja damit beginnen, ihre eigenen Sprösslinge als Speerspitze in den Fleischwolf zu schicken, das künftige Erbe mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Haha. War nur Spaß. Ich verstehe natürlich, dass das schon eine unerhörte Zumutung wäre.
„Völkische Tugenden“ wie Heroismus, Vaterlandsliebe oder Opferbereitschaft sind schließlich nicht erfunden worden, um sich als Scharfmacher im knietiefen Schmodder eines Schützengrabens selbst schmutzig zu machen. Vielmehr steckt die Idee dahinter, sich auch in unruhigen Zeiten einigermaßen beschützt und möglichst preisgünstig durchs gepolsterte Wohlleben schaukeln zu lassen. Das ganze Heldenvokabular besteht aus nichts als zynischen Wortschöpfungen, die mit dem Selbstverständnis von Gutsherrennaturen noch nie vereinbar waren. So, wie die leisen Träume und Wünsche kleiner Leute nichts als Läppereien für die Sorte Visionäre sind, die sich einen Stiefel drauf einbilden, die Welt in ungleich gewaltigeren Zusammenhängen als in menschlichen zu denken.
Es fällt leicht, jenen Heldenmut zu bewundern, der sich bedenkenlos in einen Fluss stürzt, um einen Fremden vor dem Ertrinken zu retten. Ein, wie auch immer geartetes, politisches System mit Waffengewalt verteidigen oder durchsetzen zu wollen, scheint mir hingegen nicht nur sinnfrei, sondern – vor allem – respektlos gegenüber dem Geschenk des Lebens selbst. Dem eigenen, wie dem seiner Mitmenschen. Ein junger Mensch sollte sich diesem „Dienst an der Waffe“ verweigern können, ohne nach bürokratischen Vorgaben über seine Beweggründe rumeiern zu müssen.
Warum genügt als Begründung nicht einfach mal die erbärmliche Wahrheit? Dass sich einige Wenige noch immer völlig selbstverständlich rausnehmen, darüber zu befinden, was mit welchem Eisatz schützenswert ist – und was nicht. Dass Regierende ohne weiteres ganze Völker für wirtschaftliche Interessen Ziele oder persönliche Flausen missbrauchen können, wenn’s dumm läuft. Dass Hybris und Verantwortungslosigkeit, Unfähigkeit oder Überforderung charakterloser Emporkömmlinge noch immer Wilde aus zivilisierten Menschen machen dürfen – und aus fröhlichen traumatisierte Zombies.
