Ich sehe wahnsinnig gerne Werbung für Autos. Was heute alles geht, ist doch schier unglaublich. Der Offroader steht dabei ganz oben auf vielen Wunschzetteln, auch wenn die Natur ebenso unübersehbar immer weiter zurückgeschnitten wird. Stell dir bitte trotzdem mal folgendes Szenario vor:
Du bist auf dem Weg, ein paar Schnapper zu besorgen, die einem Krämer am anderen Ende der Stadt feil sind. Rekelst dich entspannt in deine fetten Aktivsitze. Cruist durch leere Avenuen in einer glitzernden City. Vom Trottoir her schmachten dich halbnackte Frauen unzweideutig an. Dich oder deinen mobilen Untersatz, was macht das für einen Unterschied? Für derlei hast du heute sowieso keine Augen. Bis eins mit der zügellosen Kraft dieser prächtigen Kalesche. Wozu braucht es eine Frau, wenn dir gerade auch ohne gewaltig einer abgeht?
Auf einmal ist da ein Verkehrsstau. Wie aus dem Nichts. Was, insbesondere in Anbetracht des zuvor geschilderten Szenarios, ziemlich runterziehen könnte. Konjunktiv. Der Stau gehört nämlich zur Dramaturgie des Werbeclips. Dient nur dazu, einem staunenden Publikum vorzuführen, was die Karre wirklich drauf hat. Also tust du, was der Regisseur von dir verlangt. Biegst direkt ab – beinahe wie auf Schienen. Drehst an einem kleinen Rädchen in der Mittelkonsole und jetzt geht die Luzie richtig los. Prasselst undhastenichgesehen mitten durch eine total korrekte Kulisse. Rumpelst brachial über Stock und Stein – beherrschst diese Wüstenei, wie du willst. Eine Landschaft wie ein Monumentalgemälde, die ihresgleichen sicher nicht oft findet. Hast du schon mal im Kino gesehen. So sieht es im Südosten von Mittelerde aus. Welch glückliche Fügung. Wolltest du nicht sowieso schon immer nach Gondor, um dort ein Pfund Filterkaffee, ein Viertel Bergblumenkäse und fünf Becher zuckerfreien Erdbeerjoghurt zu kaufen?
Das ist der Moment in dem ich mich jedes Mal frage, warum sich erwachsene Menschen Morgen für Morgen Moos auf die Reifen stehen. Wie unendlich einfältig es ist, eigene Lebenszeit in den immergleichen Staus zu vergeuden. Dabei wäre alles so einfach. Sitzheizung, Klimaautomatik und Soundsystem aufgedreht, eingängiger Mainstream bevorzugt. Jetzt nur noch am Wunderrädchen in der Mittelkonsole gekurbelt – und der langweiligste Arbeitsweg wird im Handumdrehen zur Multimedia Show. Wie aufregend, in den krassesten Gebirgslandschaften herumturnen zu können, ohne sich Wind und Wetter auszusetzen. Freie Fahrt für freie Bürger – auch wenn’s faktisch dann doch nur für das unermüdliche Fressgass hoch- und Kunststraße runter reicht. Ich selbst konnte dieses alberne Showcruisen nie nachvollziehen. Mobile Selbstbeschränkung, die für mich den Prickelfaktor von käuflichem Ficken in „Verrichtungsboxen“ hat. Wie auch immer. Das Allertollste an solch einem Wunderwerk der Technik ist, dass man mit all dem verbauten Firlefanz selbst in anspruchsvollstem Terrain gar nicht mehr richtig Auto fahren können müsste. Alles vom Feinsten, wären da nicht …
… Greta die Grimmige und ihr Gefolge der nölenden Spaßbremsen. Die der Welt einen Spiegel vorhalten, der eine ganz andere Realität zeigt. Buchstäblich alles, was gestern noch erstrebenswert schien, schlechtreden wollen. Auf einmal klingt jede Erzählung von mobiler Freiheit wie eine Obszönität. Die Gören schrecken nicht davor zurück, der Generation Väter und Onkel die Freude an ihren Statussymbolen, Opa den Jugendtraum und Machomännchen sein Fast & Furious Feeling nehmen zu wollen. Tun so, als seien Cluburlaub in der „Domrep“ oder All-in auf Phuket neuerdings peinlich, Kreuzfahrten zu den absaufenden Eisbären pervers. Und ein Wochenendtrip nach Lissabon ist mit der Bahn ja wohl auch kaum zu machen.
So werden unsere Konsumgewohnheiten vorlaut durch den Dreck gezerrt, damit wir uns mies fühlen sollen. Als hätte man mit sechzehn überhaupt Ahnung von irgendwas. Die augenrollend beschworenen Apokalypsen dieser kleinen Besserwisser langweilen nur noch. Mal unter uns Pastorentöchtern: Was interessiert mich die Welt des Jahres 2070, da bin ich längst über den Jordan. Lernen die in der Schule nicht mehr rechnen? Ich lebe jetzt und ich lebe nicht ewig.
Möglicherweise haben ja jene recht, die glauben wollen, Fräulein Thunberg ginge es in erster Linie um den Wind, den alle Welt um sie macht. Ich kenne mich mit Asperger zu wenig aus, um solchen Unterstellungen seriös widersprechen zu können. Vermute aber, Eitelkeit ist den Betroffenen eher fremd. Selbst wenn nicht … das Mädel ist gerade mal Sechzehn. In diesem Alter darf man doch eitel sein. Und seit wann setzt Koketterie die Seriosität von Fakten außer Kraft, entwertet die Legitimität einer Zielsetzung? Glauben denn all diese Gernegroße in ihren aufgeblasenen Vorstadtpanzern tatsächlich, eitelbefreit daherzukommen? Wie kann man in diesen Zeiten noch allen Ernstes darauf hoffen, ein kippeliges Ego gewinne durch vier angetriebene Stützräder nachhaltig an Stabilität, Reputation oder Relevanz? Hinter einer Gehhilfe mit dem Luftwiderstandsbeiwert eines Reichstags lässt sich ja einiges vermuten. Souveränität wäre sicher nicht das erste Attribut, das mir dazu einfiele.
Ist ja nicht so, dass ich das nicht selbst am besten wissen müsste. In den 70ern und 80ern bewegten nur wenige Altersgenossen ähnlich fette Kisten wie ich – und ich hatte mit diesen spritfressenden Schlachtrössern weiß Gott einiges zu kompensieren. Ganz dicke Hose gehörte zu meinen offensiven Bordmitteln, um Anerkennung zu betteln. Die Rahmenbedingungen waren allerdings auch noch komplett andere. Die deutsche Welt wenig global, dafür umso provinzieller. Acht- oder Zwölfzylinder waren eher die Ausnahme und meist nur wesentlich gesetzteren Autonarren mit mehr Hintergrund, der Halbwelt, oder ambitionierten Schraubern erreichbar. Mit Anfang oder Mitte Zwanzig kann man die eigene Bedeutung in einem Zweitonner schon mal ziemlich überschätzen.
Die Folgen fürs Ökosystem kaum bekannt und bestenfalls in Fachkreisen diskutiert, stellte sich die Frage einer Eigenverantwortlichkeit für den Einzelnen nicht. Damit möchte ich keineswegs behaupten, dass solche Erwägungen damals unbedingt Priorität für mich gehabt hätten. Indes muss ich mit gewonnener Lebenserfahrung und nach Wissensstand nicht mehr unbedingt prickelnd finden, dass ich als Grünschnabel selbst jede Menge Emissionen und Kohle für ein bisschen Spaß und Angeberei zum Endrohr rausgeblasen habe.
Die Klimamodelle seriöser Wissenschaftler kommen sämtlich auf die gleichen verheerenden Resultate. Jeder dahergelaufene Dödel, ob Automechaniker, Außendienstler oder Rohrreiniger, fegt all diese fundierten Berechnungen stets mit einem unfassbar klugen Satz vom Tisch: „Klimaschwankungen gab’s schließlich schon immer“. Im Ernst jetzt? Warum erklärst du deinem Bäcker nicht endlich, wie man richtig Brot backt? Quatsch dem Klempner ruhig in sein Gekeuche unter der Spüle, er wird deine Expertise zur rechten Zeit zu schätzen wissen. Wer ist cleverer als du? Hast du doch längst begriffen, dass es sich beim menschengemachten Klimawandel um Panikmache durchgeknallter Fachidioten, Märchen von „Mietmäulern der Lügenpresse“, oder um Hirngespinste überspannter Kinder handelt.
Wenn eine Jahrhundertkatastrophe gar nicht mehr wegzudiskutieren ist, packt der nervtötende Faktenverdreher postwendend seine Verschwörungserzählungen aus. Munkelt von Machenschaften verborgener Mächte, raunt davon, dass er über gesicherte Infos verfüge, die Menschheit solle durch solch gesteuerte Katastrophen gezielt dezimiert werden – meist mit dem Ziel, nichts geringeres als die Weltherrschaft zu erlangen. Routinierte Verharmloser tun Opferzahlen hingegen als gezielte Übertreibung oder gleich als Fake News ab. Bagatellisieren die Vernichtung abertausender Leben und Existenzen als zwar bedauerliches, aber zusammenhangloses Schicksal. Wie sollen der Nachwuchs lernen, sich mit dem Offensichtlichen sachlich auseinanderzusetzen, wenn schon die eigenen Eltern bei dergleichen Reizthemen emotional wie intellektuell komplett aus dem Tritt geraten? In solchen Fällen bleibt freilich auch stichhaltigste Argumentation vergebene Liebesmüh. An Panzern aus Indolenz und Ideologie prallen unbequeme Wahrheiten bekanntlich rückstandslos ab.
Natürlich ist es weit gemütlicher, die Wirklichkeit seiner Wahrheit anzupassen, als Mitverantwortung einzuräumen. Müsste eine Anerkenntnis der Tatsachen für einen rational denkenden Menschen nicht zwangsläufig dessen Bereitschaft nach sich ziehen, seinen materiellen Lebensentwurf mindestens mal zu überdenken? Sollte man meinen. Nun ist schonungslose Selbsterkenntnis selten erfreulich. Und die, sich daraus bedingenden, Konsequenzen erst recht. So entlasten wir Eigenverantwortlichkeit trotzig mit Verweis auf industrielle Emissionen und emotionalisieren das Thema damit, dass es wahrhaftig genug gibt, die sich vor uns Gedanken um ihren Lebensstil machen sollten.
Neuanschaffungen setzen Dopamine frei. Auf jeden dieser Kicks folgen naturgemäß Phasen innerer Leere. Unzufriedenheit, die möglichst konstant mit neuen Glücksgefühlen gefüttert werden will. Häufig genug mit jener kurzlebigen Euphorie, welche man für Geld kaufen kann. Aber irgendwo muss all das schließlich herkommen – die Rohstoffe, die produzierten Güter, wie die schwerverdienten Moneten. Wider besseres Wissen bleibt der Ressourcen- und Energieverbrauch der Industrienationen maßlos und nimmt in den Schwellenländern gerade erst richtig Fahrt auf.
Der globale Erdüberlastungstag fällt mittlerweile auf Anfang August. Unsere Gesellschaft hat bereits Anfang Mai emittiert und verbraucht, was für das ganze Jahr schicklich und zumutbar wäre. Manch einer buckelt sich buchstäblich krank, um mit Nachbars Außendarstellung mithalten zu können. Wir raffen und raken alles Erreichbare zusammen, verschwenden auch das Unwiederbringliche um die Wette – und uns alle um Kopf und Kragen. Die Absurdität einer Selbstvernichtung kann man ja durchaus mal in Frage stellen, ohne sich gleich als Systemsprenger verdächtig zu machen. Vor allem, wenn man mit dem Irrsinn im Boot sitzt. Nichts anderes tun diese jungen Menschen.
Regierungen sitzen so überfällige, wie unpopuläre Korrekturen gern aus. Beim Tempolimit etwa. Sollen doch andere an diesem Reizthema Federn lassen. Wenn’s um die automobile Freiheit geht, versteht der mündige Bürger überhaupt keinen Spaß. So zählt bedingungsloses Rasen noch immer zu den elementarsten Grund Menschenrechten. Solange wir nicht gerade Lebenszeit in einem Stau verplempern. Prämisse von Politik sind nun mal weder Vernunft noch Verantwortlichkeit, sondern Wählbarkeit und Machterhalt. Das haben auch die rundgelutschten Grünen längst verinnerlicht und verkaufen Wahlversprechen und Programmatik regelmäßig an „Realpolitik“ und „Kompromissbereitschaft“, sobald sie selbst gestalten dürfen. Politik muss schließlich machbar sein. Durchsetzbar. Mehrheitsfähig vor allem.
Ganz besonders stolz verweisen grüne RealpolitikerInnen darauf, ihre Partei in die „Mitte der Gesellschaft“ geführt zu haben. In jenes Milieu also, das irgendwo zwischen Alnatura und Schlagersamstag vor sich hin schwammelt. Von dem der Selbsterhaltungstrieb nie recht weiß, ob er Teil davon sein möchte, oder lieber einen Bogen darum machen sollte. Mit der sukzessiven Erschließung windelweicher Wählerschichten konnte ein beinahe mutualistisches System zwischen Wahlvolk und Partei geschaffen werden. Das freilich weniger an umwelterhaltenden Notwendigkeiten interessiert ist, als vielmehr daran, sich immer wieder gegenseitig der lebensnahen Notwendigkeit von Inkonsequenz und fauler Kompromisse zu versichern. Und sich bei jeder Gelegenheit für eine vermeintliche Haltung zu feiern.
Das idealistische der FFF-Kids geht Berufspolitikern zwangsläufig ab. Mit reinem Idealismus kommst du heute nicht mal in den Dunstkreis einer Volksvertretung. Und wenn du ständig mit Lobbyisten abhängst, kriegt dich auch die Gier irgendwann. Korrumpierbarkeit ist bei Grünen keineswegs weniger ausgeprägt, als im restlichen Parteienspektrum. Wer sich Nebentätigkeiten aktueller und den Drehtüreffekt bei ehemaligen Politikern vornimmt, schaut häufig direkt in moralische Sickergruben. Schlechte Zeiten für Apologeten. Die Regisseurin Doris Metz merkte in einem Interview mal an, dass eine Petra Kelly, wäre sie nicht erschossen worden, heute wohl eher bei Fridays for Future wäre als bei den Grünen. Wobei diese außergewöhnliche Persönlichkeit zeitlebens sowieso in einer ganz eigenen Liga gespielt hat. Rechtsextreme aus der halben Welt und Neider bis in die eigenen Reihen schikanierten und bedrohten diese Frau bald mit einer solch unbegreiflichen Vehemenz, wie sie nur an den Tag gelegt wird, wenn es gilt, ein besonders gefährliches Wild gemeinschaftlich zur Strecke zu bringen. Nicht alle Parteifreunde gönnten ihr den alternativen Nobelpreis 1982. Kelly engagierte sich nie aus Eitelkeit oder Eigennutz, sondern weil sie aus ihrer fundamentalen Überzeugung heraus zu einer nachhaltigeren friedlicheren und gerechteren Welt beitragen wollte. Das politische Engagement jenseits der institutionellen Arbeit war ihr dabei stets wichtiger als alles Gespreiz und Gebläh am Rednerpult.
Bereits im „Bundesprogramm“ hatte die grüne Gründungsversammlung – keineswegs unbegründet und sicherlich in bester Absicht – eine Geschlechterparität in allen maßgeblichen Gremien festgeschrieben. Wobei erst diese unselige Quotenregelung eine Dynastie dauerkitschender Doppelkinne überhaupt in die Welt brachte. Die mit ihrem mutlosen Pragmatismus schon bald Basisdemokratie und unbequeme Visionärinnen an den Rand gedrückt hatten, um sich auf den angewärmten Nestern breitzumachen. Auf denen sie seither wie festgewachsen glucken. Nichts als weitere Klone ausbrüten, immer auf der Hut, verhaltensauffällige Idealistinnen jederzeit wegzupicken. Konsequent erschöpft sich die gesellschaftspolitische Relevanz grüner KarrieristInnen heute darin, hin und wieder flügelschlagend zur Trivialisierung aktueller Umwelt- Sozial-, oder Menschenrechtsdebatten beizutragen. Eigentlich erschreckend, wie mühelos sich selbst das komplexeste Thema durch postklimakterisches Emotionsgezeter zu Läppereien schreddern lässt.
Gleichwohl mangelt es dem, so affektiven wie affektierten, Ökoschnulz keineswegs an einer anhänglichen Basis. Wobei der grüne Gewohnheitswähler der Jetztzeit definitiv sehr viel gesellschaftskonformer und konservativer denkt, als sich reaktionäre Dummbatzigkeit in ihren völkisch durchseuchten Kleinbürgerkommentarspalten überhaupt vorstellen kann. Eine Spezies, die es wahrscheinlicher E-mobil und in der Selbstgewissheit ökologischer Integrität in die Hofläden im erweiterten Speckgürtel treibt, als die eigene Existenz mit „linksgrün versifften“ Utopien zu beschweren. Für die sich jeder Aufmüpf gegen entbehrliche Startbahnen oder überholte Tagebauerweiterungen mit dem Übertritt ins Erwachsensein befremdlich selbstverständlich erledigt. Auch grüne Bodenhaftung setzt eben andere Prioritäten.
Innerstädtisch zählen muskelkraftgetriebene Gespanne zu den angesagten Transportmitteln umweltbewusster Selbstdarsteller. In welchen die Aufzucht, häufig unbehelmt und jedenfalls ohne Rücksicht auf Verluste, quer durch die Urbanität gezoppelt wird. Verkniffen und theatralisch lässt der kampfradelnde Cyborg seine Racker in schlingernden und holpernden Leichtbauwägelchen Auspuffgase durchziehen, bis sie blau anlaufen. Verlangt nicht jede Überzeugung auch nach Opferbereitschaft? Mögen solche Bilder schließlich auch dem abgefeimtesten Dieselstinker seinen Egoismus bewusst machen. Zum korrekten Auftritt verhelfen weiters jene sperrholzbewehrten Schwerlasträder, in denen sich neben halben Umzügen ohne Weiteres Unmengen von Buchweizenflocken, gepufftem Amaranth und rohrgezuckerten Hafercookies abfahren lassen.
Zudem sind die rollenden Festungen wie geschaffen, überforderte oder gedankenverlorene Fußgänger Mores zu lehren. Eine, einmal auf Ideallinie eingeebnete, Seniorin wird künftig mindestens zweimal hingucken, bevor sie sich noch mal unbefugt auf einem Radweg rumtreibt. Angesichts zunehmender Militanz kommt der Chronist kaum umhin, festzustellen, dass auch der öffentliche Raum immer selbstverständlicher von jener oberlehrerhaften Engherzigkeit in Beschlag genommen wird, die für sich beansprucht, Schusseligkeit oder vermeintliche Pflichtvergessenheit mindestens zusammenscheißen zu dürfen. Hinzu kommt eine wachsende Anzahl derer, die sich in ihren Boliden schon kraft Motorleistung und Testosteronübeschuss automatisch im Recht befinden. Dass bei soviel geballter Rechthaberei schon mal ein Satz heiße Ohren oder blutige Nasen fällig werden, kann da kaum noch erstaunen.
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Mahnt eine ungeduldige Jugend konsequentes Umdenken nachdrücklicher an, verlegt sich erwachsene Argumentation kurzerhand auf erprobte Nebenschauplätze. Auf einmal scheint Schulpflicht das schützenswerteste Gut, welches man im so anbiedernden, wie verlogenen Portfolio führt. Noch vor der Würde des Menschen, der Volksgesundheit, bezahlbarem Wohnraum und der Wahlmöglichkeit zwischen den Buchstabensuppen von Knorr oder Gut & Günstig. Als habe der eklatante Lehrermangel, dem allwöchentlich abertausende Schulstunden zum Opfer fallen, so gar nichts mit politischer Kurzsichtigkeit am Hut.
Wie praktisch, dass da wechselnde Mehrheiten und föderalistische Strukturen immer wieder wohlfeile Ausreden bieten, fundamentalste Fehlleistungen und Versäumnisse aktuellen Konstellationen anzulasten, respektive Vorgängern/Nachfolgern in die Schuhe zu schieben. Ganz nebenbei! Würden die Jugendlichen Dienstagsnachmittags statt Freitagfrüh auf die Straße gehen, interessierte sich sicherlich kein Schwein für ihr Anliegen. Und wenn tatsächlich ein paar Schlitzohren die Gunst der Stunde nutzen, um auszuschlafen… du liebe Zeit.
Eher wirklichkeitsfern mutet die Forderung von VolksvertreterInnen nach mehr Lebensnähe an. Was man sich in einer Blase eben unter Lebensnähe vorstellen mag. Genauso unbeleckt faselt man in diesen Kreisen bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit gern auch von Anstand – von Integrität. Haben nicht dieselben Pharisäer jahrzehntelang das Desinteresse der Jugendlichen bejammert und sich mehr politisches Engagement gewünscht? Wahrscheinlich schwebte ihnen dabei aber eher so etwas wie dieser putzige Jungsenior vor.
Ein erteiltes Mandat soll dem Abgeordneten auch zu einer auskömmlichen Existenz verhelfen. In besonders lebensnaher Weise offenbar den zahllosen Freibiergesichtern, die ihre unausrottbare Männerbündelei mit den Chefetagen immer wieder gern als konservativ verkaufen. Die es vorziehen, für die fernere Aussicht auf ein lukratives Pöstchen den Schmitzens, Zetsches, Fitschens und Klusiks die runzligen Ärsche zu lecken, statt dem Auftrag des Souveräns nachzukommen. Dem Volk so zu dienen, wie sie es auf Wahlplakaten und in Werbespots vollmundig – und regelmäßig ebenso folgenlos versprechen.
Meint ein redlicher Konservatismus nicht, gewonnene Erfahrungen aus der eigenen Historie mit den Erfordernissen von Gegenwart und Zukunft in Einklang zu bringen? Bewährtes zu bewahren und Untaugliches zu verwerfen – und nicht immer wieder den abgestandenen Kaffee von vorgestern aufzuwärmen? Lebensqualität ist doch nicht allein eine Frage monetärer Faktoren. Schon die Verantwortung für unsere Kinder geböte die Abkehr von einem überbordenden Konsumverhalten. Für nachhaltigeres Umdenken wäre allerdings unerlässlich, auch zügellose Konsumfreude davon zu überzeugen, dass der verantwortliche Umgang mit endlichen Ressourcen nicht nur für den Fortbestand der gesamten Zivilisation, sondern auch für die individuelle Lebensqualität weit sinnvoller sind, als hedonistische Tretmühlen und verzweifelte Rezitationen marktwirtschaftlicher Mantras. Ein „Weiter so“ nach dem bekannten Muster kann jedenfalls nur verheerende Folgen nach sich ziehen. Konsequenzen für die Umwelt, die nach dem Kipppunkt für künftige Generationen weder reversibel sind, noch finanziell in Schach zu halten sein werden. Glückliche Menschen in blühenden Landschaften könnten dann nur noch Erinnerung sein. Und irgendwann wird es vielleicht nur noch ums nackte Überleben gehen. Jeder gegen jeden – zurück zu unseren Wurzeln.
Was kann so schwierig daran sein, sein Mandat einmal nicht nach den Forderungen von Lobbyisten, der Trägheit des Pöbels und von Wahlzyklus zu Wahlzyklus auszurichten – und was ist christlich daran, vor jeder Wahl nach Rattenfängerart um Stimmen vom Stammtisch zu södern? Blödgesoffene Biederkeit in ihren Annahmen und Aversionen noch zu bestärken. Wenn immer es tatsächlich zu Tätlichkeiten gegen Andersdenkende kommt, geben sich die Volksverhetzertreter „unendlich betroffen“ und beeilen sich, die aufgewiegelten Dummklumpen „aufs Schärfste“ zu verurteilen.
Um Lobbyisten rumzuschwänzeln, den eigenen Vorteil stets im Kalkül, zählt wohl ebenfalls kaum zu den konservativen Grundwerten. Oder zu den Aufgaben einer Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft. Wie unbegreiflich peinlich sich Frau Ministerin allerdings an diesen smarten Ernährungsphilosophen und Geschäftemacher ranwanzt, dürfte an Fremdschampotenzial kaum zu überbieten sein. Wie hemmungslos darf man denn als VolksvertreterIn noch in eigener Mission rumkaspern? Warum poliert Püppi Marc-Aurel nicht gleich vor laufender Kamera untertänig das Zepter? Drastischer kann man auch den eigenen Wählern kaum vermitteln, dass man sie für ausgemachte Gimpel hält. Selbst als politischer Arm der Agrarindustrie musst du schon verdammt dummdreist sein, um Nestlé positiv mit Umwelt und gesunder Ernährung in Verbindung zu bringen. Aber was, zum Henker, läuft eigentlich schräg bei Mustermanns, die ohne Weiteres einen zornigen Teenager verteufeln – während sie an solch steuerfinanzierter Schleimerei verstörend wenig auszusetzen haben?

Insbesondere Entscheider sollten zunächst lernen, hinzuhören. Wirklich zuzuhören. Um reflektieren zu können, was junge Menschen überhaupt umtreibt. Wie sonst könnten sie jemals etwas über deren Befürchtungen und Visionen lernen? Stattdessen weiß der Politprofi nach drei Sätzen sowieso, was das Gegenüber von sich geben wird. Kann gar nicht mehr anders, als ungezogen dazwischenzuquaken. Wer sich schon mal eine dieser unsäglichen Fernsehdiskussionen angetan hat weiß, wie dort die fundamentalsten Regeln einer vernünftigen Gesprächskultur regelmäßig unter die Räder kommen. Wirklich zuzuhören scheinen die wenigsten, denn offenbar kennt man sich in den Gedankengängen seiner Gegenüber bereits bestens aus. Folgerichtig beginnt der Unterkiefer umgehend zu mahlen, sobald die limitierte Erwartungshaltung ein Reizwort eingefangen hat. Mit beiden Füßen springt das Sendungsbewusstsein mitten in die Ausführungen jenes Mitdiskutanten, der gerade dran ist. Was diese vokalen Sperrfeuer nicht nur zu einem Ärgernis, sondern auch unfassbar anstrengend macht. Überhaupt: Wer derart verzweifelt dauerventiliert, mag Befürchtungen hegen, dass sich in vornehmer Zurückhaltung nur die eigene Entbehrlichkeit offenbare.
Wobei wir bei den Zukunftsängsten wären. Die pausenlos geschürt werden wollen, damit Hans und Lieschen, Jane und Joe auch keinen Moment zum Nachdenken kommen. Darauf fußt das Geschäftsmodell gesinnungsbefreiter Kolumnisten – insbesondere der Yellow Press. Den Meistern der Verdrehung. Den Chorleitern jeder orchestrierten Empörung. Den Lieferanten der Angst. Die heute für ein paar Silberlinge ihre gestrigen Götzen gnadenlos an den Galgen schreiben, weil sich der Wind gedreht hat. Auflage rechtfertigt jede Amoralität. Nur so erklärt sich die Verworfenheit, sich lieber an der vermeintlichen Behinderung einer engagierten Jugendlichen abzuarbeiten, als sich mit ihren Argumenten auseinanderzusetzen.
Wie erwachsen können Erwachsene sein, die stringente Beweisketten starrsinnig als Fake abtun, weil sich wissenschaftliche Rechenmodelle und Naturgesetze partout nicht mit der eigenen Lebensweise vereinbaren lassen? Die immer noch glauben wollen, Freiheit und Abenteuer ließen sich als Zubehör kaufen. Gönn dir halt deine Dreckschleuder, aber steh wenigstens einmal dazu, dass dir künftige Generationen im Grunde genauso schnurz sind, wie den meisten Amis oder Chinesen vermutlich auch. Anstatt auf Krampf nach peinlichen Rechtfertigungen für deine Unfertigkeit zu suchen. Dein Beharren kann ich durchaus nachvollziehen, Egoismus ist mir ja nicht fremd. So kann ich mich selbst immer noch nicht dazu entschließen, ganz auf mein Auto zu verzichten, obwohl ich es nur noch selten nutze. Ausreden für mein Festhalten habe ich reichlich.
Wenn man argumentativ überhaupt nicht weiterkommt, wird immer wieder das As im Ärmel ausgepackt – meist triumphierend: „Greta Thunberg ist mit Klimaschutz Millionärin geworden.“ „Sach bloß….und weiter?“ Immerhin hat sie einige hochdotierte Preise für ihr Engagement abgeräumt. Mindestens eine Buchveröffentlichung, die sich ordentlich verkauft. Alles andere ist Latrinentratsch. Hat sie für diese Knete gleich mal ’ne G-Klasse angeschafft? Einen Buckelvolvo oder Schneewittchensarg in der Garage? Was mir keineswegs einleuchtet ist, dass man ausgerechnet die mit Scheiße dauerbewerfen muss, die für ihren Beitrag zur Erhaltung des Planeten selbstverständlich auf derlei Protz oder Spielzeug verzichten. Aber mal angenommen, der ganze Umweltaktivismus wäre tatsächlich jene vielfach unterstellte Masche. Nur hypothetisch. Sollte man als Materialist einer einträglichen Geschäftsidee nicht immerhin Anerkennung zollen können? Aber dafür reicht’s bei Meister Kleingeld halt auch nicht. Da ist ihm dann wieder sein Neid im Weg. Man hat’s echt nicht leicht als Zicke.
Nicht wenige schlagen angesichts der angenommenen Gefährdung ihres mühselig erwirtschafteten Lebensstils panischer um sich, als jeder Ertrinkende. Wahrscheinlich können sie einfach nicht anders. Müssen einfach jeden Andersdenkenden plattmachen – mit allen Mitteln. Richten Feindbilder auf, die sie zur Relativierung eigener Defizite niedermachen können. Versuchen erst gar nicht, sachlich zu diskutieren, diskreditieren lieber. Wider alle Erfahrung halten sie verzweifelt an ihrer Überzeugung fest, auf diese Weise selbst irgendwie besser dazustehen. Mich macht dieser obsessive Hass auf junge Menschen mit nachvollziehbaren Ängsten und Forderungen jedenfalls einigermaßen pessimistisch.
Realistisch ist die Frage leider nicht mehr ob – sondern wie bald unsere Welt mitsamt Menschen und Menschenwerk den sprichwörtlichen Bach runtergeht.
