Davon geht die Welt nicht unter

jetzt ist es doch passiert. Die AFD ist kurz davor, vorläufig nur in einem der weniger bevölkerungsreichen Bundesländer, Regierungsverantwortung zu übernehmen. 44 % der Wählenden haben in Sachsen-Anhalt die Arroganz der angestammten Parteien hart belehrt. Demokratie mag sowas zwar aushalten müssen, aber schön ist trotzdem was anderes. Erste Statements am Wahlabend lassen indes befürchten, dass die Abgewählten die Erbitterung ihrer abgängigen Wähler am bockigen Festhalten an einer Brandmauer, und das damit einhergehende Desinteresse an ihren Themen noch immer nicht verstanden haben – verstehen wollen. Beinahe die Hälfte der Wahlgänger hat mit ihren Kreuzchen nichts anderes bekundet, dass sie mit der gegenwärtigen Politik unzufrieden sind und sich nicht verstanden fühlen. Dass sie mit ihrem Votum ihr Land mitgestalten wollen. Ist Demokratie so schwer zu verstehen? Immerhin hat ja eine Mehrheit gegen die AFD votiert, so einer der Abgewählten noch am Wahlabend patzig. Wat’n Glück.

Wer ein Eingeständnis oder Einsicht in die eigene Überheblichkeit erwartet hatte, wartete vergeblich. Vielmehr verstieg man sich verschiedentlich und reflexartig zu der wunderbaren Idee, mithilfe des Rechenschiebers eine Koalition der Versprengten schmieden zu wollen, um das eindeutige Votum fehlgeleiteter Dämlacke auch diesmal tapfer zu ignorieren. Und die Rechtspopulisten weiter krampfhaft von Macht und eigenen Dummheiten fernzuhalten. Unter Führung der Union mit knapp 18 % Wählerzustimmung. Großartig! Als wenn marginalisierte Christdemokraten lieber Hand in Hand mit bedeutungslosen Linken der untergehenden Sonne hinterherlaufen wollten – als womöglich partiell mit dem rechten Rand zu paktieren.

Auf der Wahlparty der Sozialdemokraten wurden bei Bekanntgabe der ersten Hochrechnung die satten acht Prozent für die delirierende Sozialdemokratie gar frenetisch bejubelt. Ich gebe zu, dass mich in diesem Fremdscham und Mitleid gleichermaßen gebeutelt haben. Mehr ist zu diesem runtergewirtschafteten Gemischtwarenladen gar nicht mehr zu sagen. Lieber präsentiere ich überaus stolz einen unfassbar hellsichtigen 😉 Ausschnitt aus einem meiner Essays, als noch eine Angela Merkel Regierende im Bund war – und unsere Welt scheinbar ein langsamer, ruhiger Fluss..

Eine AFD erfährt doch nicht solchen Zulauf, weil sie auch nur ein realistisches Konzept zur zielführenden Lösung irgendeines vermeintlichen oder tatsächlichen Übels anböte. Oder irgendwelche Figuren mit ansatzweise Charisma oder gar Lichtgestalten auf die Rampe schieben könnte. Sondern, weil sie den verständnisvollen Kümmerer für die kleinen (deutschen) Leute raushängt und auch nicht wie die Etablierten versäumt hat, sich in den sozialen Netzwerken beim Nachwuchs bekannt zu machen. Weil sie dumpfe Ressentiments und Annahmen als Mainstream bekräftigt, Ängste und Zukunftssorgen mit emotionaler Propaganda befördert und das Völkische hochhält. „Wir sind das Volk“. Wer da nicht mitjohlt, mag sich eines Tages womöglich wieder verdächtig machen. Mit Differenzierung und Individualität können die Massen traditionell erschreckend wenig anfangen und das wissen diese Leute.

Dabei springt eine derart hemdsärmelige, krawallige und patriotische Agenda eigentlich schon auf den ersten Blick viel zu kurz, um beispielsweise das Dilemma zwischen Überalterung und Arbeitskräftemangel moralisch vertretbar lösen zu können. Eine Entwicklung, die allerdings schon vor mehreren Jahrzehnten vorherzusehen war und von Regierung zu Regierung weitergeschoben wurde, um den Wähler nicht durch zu viel Realität zu verprellen. Die sich nun zum Kardinalproblem ausgewachsen hat, das selbst für die Etablierten kaum mehr gemeinsam und ohne gewagteste ideologische Rösselsprünge zu lösen sein wird. Eine alternde Gesellschaft bedarf bekanntlich nichts dringlicher als aktiven Rentenzahlern und Pflegekräften. Wo sollen die denn aus volkseigenem Nachwuchs herkommen? Wir reden über eine Geburtenrate von mittlerweile weniger als eineinhalb Kindern pro deutscher Frau. Da ist selbst durch fette Karnickelprämien und Mutterkreuze nichts mehr zu retten. Nicht mal als Option. Wobei die Neunazis allerdings fein raus sind. Die Schuld für die verfahrene Lage können ihr die Altparteien schon mal nicht in die Schuhe schieben.

Ein grundsolider Gossenduktus, kurzsichtige Lösungsansätze und lebhafter Zulauf lassen wenigstens in meiner Vorstellung künftigen Verdruss und Unruhen befürchten. Das Parteiprogramm der Rechtspopulisten ist zweifellos ein lupenreines Menschenverächter- und Rassistenpamphlet, das auf Instinkte und Bauchgefühle abzielt – und zunehmend Erfolg damit hat. Wahlergebnisse unterscheiden nun mal nicht zwischen verschnupftem „Protestwähler“ und „denkzettelnder“ Demokratin, aufrechten Patrioten oder sonstigen Emotionskrüppeln. Aber auch, wenn man zehnmal meint, sich über diese Art Widerborstigkeit mokieren zu müssen. Wer als Politprofi nicht damit aufhören kann, erwachsenen Menschen vom hohen Ross herab ihre Wahlmündigkeit abzusprechen und damit das gute Recht, die eigene Regierung einfach mal nach Erfahrungen, Sehnsüchten oder Gefühlen zu wählen, denkt nicht nur zutiefst undemokratisch, sondern handelt langfristig womöglich auch selbstmörderisch. Biederlinge wechseln doch nicht in extreme Lager, weil sie plötzlich zu Radikalinskis oder Herrenrasslern mutieren. Sondern weil sie sich nicht mehr anders zu helfen wissen. Dass solche Planspiele für viele blauäugige Protestwähler fatal in die eigene Hose gehen könnten, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Ein erstarkender Populismus speist sich vorzüglich aus liegengebliebenen und festgetretenen Miseren. Aus der tranigen Ignoranz und Arroganz satter Regierungsvereine, die sichtlich außerstande sind, Stimmungslage und Wählerwünsche noch realistisch einzuordnen. Statt die winkenden Zaunpfähle zu beherzigen, reagieren sie beleidigt und lassen sie ihre Verachtung nach jeder verlorenen Wahl deutlicher durchblicken. Und wieder einmal hat der dämliche Wähler unsere unnachahmliche Politik nicht begriffen. Statt einfach mal Demut und Einsicht zu zeigen, stellen sie sich vor die Mikrofone und weisen verquast Schuld zu. „Wir haben unsere Erfolge und Ziele offenbar nicht verständlich vermitteln können“, oder so ähnlich. Der ultimative Weg, abtrünniges Wahlvolk wieder ins eigene Lager zu überführen, ist in der Logik dieser Koofmichs offenbar, größtmögliche Begriffsstutzigkeit zu attestieren. Da zeigt sich die Haut allerdings schon verdammt dünn.

Eine AFD wird solange Zuwächse einfahren und sich der Macht annähern, wie auch die Etablierten glauben, es werde wie gewohnt reichen, mit ein paar Versprechen und Schreckgespenstern auf Wählerfang zu gehen. Um nach den Wahlen ungerührt die Pfründe unter sich aufzuteilen und weitere vier Jahre um Kaisers Bart zu zanken. Vor seinem Niedergang musste der dräuende Sozialismus immer wieder als Beelzebub auf bürgerlichen Wahlplakaten herhalten. Heute behaupten alle demokratischen Parteien, letztes freiheitliches Bollwerk vor einer gesichert irreversiblen Rechtsdiktatur zu sein. Kann ja sein, aber irgendwann stumpft halt jede folgenlose Penetranz ab. Hypothetische Drohkulissen sind auf Dauer einfach zu wenig. So haben es viele der Dauerpenetrierten mittlerweile einfach satt, sich von abgehobenen Klassenstrebern zu unbedarften Opfern rechter Polemik oder reaktionärer Propaganda herabwürdigen zu lassen. Weil sie in ihrem Alltag tagtäglich selbst erleben, wie manierliches Miteinander und selbstverständliche Umgangsformen durch benimmfreiem Plebs zunehmend zur hilflosen Defensive verkommen.